Vom Genießen und Feiern, vom Reisen
und Wohnen – Alltagskultur und Lebensart
Von Constanze Kleis
„Weltoffen und gastfreundlich“ – dieses Prädikat erhielt
Deutschland von den Gästen der Fußball Weltmeisterschaft 2006. Laut einer
Umfrage von TNS Infratest, die im Auftrag der Deutschen Zentrale für Tourismus
realisiert wurde, erhielten Deutschland und die Deutschen durchweg positive
Beurteilungen von den Reisenden. Gründe für ein positives Bild gibt es genug.
Etwa die Modernität des Landes, seine Aufgeschlossenheit, die Lebensqualität,
die multinationale Vielfalt und die Kreativität, mit der Deutschland seine
kulturelle Identität gleichzeitig erneuert und bewahrt. In fast allen
Lebensbereichen zeigt sich heute eine erfreulich entspannte Leichtigkeit und
weltoffene Neugier.
Zum Beispiel in der Ernährung. Natürlich gibt es sie noch, die deftigen
Regionalküchen, diese herzhaften Erkennungsmerkmale der jeweiligen
Landschaften: den Schweinsbraten mit Knödeln aus Bayern oder das Rippchen mit
Sauerkraut aus Hessen. Gleichzeitig haben aber viele neue Einflüsse Einzug in
die deutsche Küche gehalten. Sie ist vielfältiger und gesundheitsbewusster
geworden, leicht und einfallsreich. Als „Koch des Jahres 2008“ kürte der Gault
Millau Klaus Erfort, der im „Gästehaus Erfort“ in Saarbrücken am Herd steht. Er
brillierte zum Beispiel mit Gänsestopfleber in hauchdünnem, gepfeffertem
Ananasmantel. Auch das ist heute typisch deutsche Küche – denn die ähnelt mehr
und mehr einem „World-Taste-Center“. Die Deutschen gehören zu den
internationalsten Essern in Europa: Laut einer Umfrage des Instituts Allensbach
bevorzugen mehr als die Hälfte entsteht hier das nächste Weinwunder? der
Deutschen beim Essen im Restaurant die ausländische Küche, vor allem die italienische,
chinesische und griechische.
Ein anderer Trend ist das gesunde Essen: 2006 wur den in
Deutschland 4,6 Milliarden Euro mit Öko-Lebensmitteln
umgesetzt.
Überall in den Großstädten öffnen Bio-Supermärkte, die verbinden, was den
Deutschen zunehmend wichtiger wird: Genuss und Verantwortung, Lifestyle und
gutes Gewissen. Deutschlandweit gab es Ende 2006 gut 350 Bio Supermärkte – 50
mehr als noch im Vorjahr.
Weniger
Bier, mehr Wasser
Bier aus Deutschland ist vom Europäischen Parlament als „traditionelles
Lebensmittel“ anerkannt, eine Auszeichnung, die nur sehr wenigen
Nahrungsmitteln verliehen wird. Zu verdanken ist sie dem berühmten
„Reinheitsgebot“, das nur bestimmte – natürliche – Zutaten erlaubt. So sind
Hopfen, Malz, Wasser und Hefe bis heute die Grundlagen aller deutschen
Biersorten geblieben. Neben den Großbrauereien haben die kleineren regionalen
Traditionsbrauereien einen Stammplatz im Herzen der Biertrinker. Zu ihnen
zählen 80 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland. Sie haben die
Auswahl zwischen 5000 verschiedenen Marken, die von 1284 Brauereien produziert
werden. Ein Weltrekord. Dennoch geht der Bierkonsum der Deutschen beständig
zurück, von 133 Litern im Jahr 1994 auf heute noch knapp 112 Liter pro Person. Dafür
hat die Wellness- Bewegung unter anderem einen Mineralwasserboom gebracht: In
den letzten 30 Jahren haben die Deutschen den Verbrauch von Mineralwassern
verzehnfacht und trinken heute mit 132 Litern pro Kopf und Jahr in der
Weltspitzengruppe mit. Aus 223 Brunnen sprudeln mehr als 500 verschiedene
Mineralwässer.
Das
Riesling-Wunder
Seit Anfang des neuen Jahrtausends erlebt der deutsche Riesling-Wein eine
Renaissance – und das international: Er gehört inzwischen weltweit zu den
Standards in vielen Top- Restaurants. Allein die US-Amerikaner haben ihre
Riesling- Importe in nur vier Jahren um hundert Prozent gesteigert. Die
Begeisterung der internationalen Weinkenner für das „deutsche Weinwunder“ hat
sich der Riesling durch seine Leichtigkeit und Spritzigkeit verdient,
Eigenschaften, die sich den besonderen Klima- und Bodenverhältnissen verdanken.
Denn die deutschen Weinanbaugebiete gehören zu den nördlichsten der Welt. Die
lange Vegetationszeit und die geringe Sommerhitze machen die Weine aus Deutschland
filigran und nicht zu alkoholreich. Unterschiedliche Bodenarten und Rebsorten
wie Müller-Thurgau und Silvaner tragen ihren Teil dazu bei, dass deutsche Weine
als bemerkenswert facettenreich gelten.
Ihren Anteil am Erfolg hat aber auch die neue Generation der
deutschen Winzer, die in den 13 deutschen Weinanbaugebieten vor allem auf hohe
Qualität statt große Erträge setzen. Das klassische Weißweinland Deutschland
entdeckt jetzt mehr und mehr den Rotwein. Die Anbaufläche dafür, hauptsächlich
für Spätburgunder, hat sich bereits mehr als verdreifacht. Vielleicht entsteht
hier das nächste Weinwunder?
Reiseland
Deutschland
Als
Reiseland wird Deutschland immer beliebter: Mit fast 55 Millionen
Übernachtungen ausländischer Gäste verzeichnete die Deutsche Zentrale
für Tourismus 2007 ein bemerkenswertes Plus von drei Prozent gegenüber dem
Rekordjahr der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Berlin, München,
Frankfurt am Main und Köln sind die beliebtesten Städte bei den internationalen
Gästen. Die meisten kommen aus dem europäischen Ausland, aus den USA und Asien.
Als Bundesländer punkten bei den ausländischen Reisenden regelmäßig
Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden Württemberg.
Magnete für Deutschlandurlauber
sind neben den kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten auch die anspruchsvollen
Konzertreihen, Kunstausstellungen und Theateraufführungen oder die großen
Sportereignisse auf internationalem Niveau, die Straßenfeste oder
stimmungsvollen Weihnachtsmärkte, um nur einige Höhepunkte zu nennen. In
Deutschland wird gern und viel gefeiert. Und manche Volksfeste – wie etwa das
Oktoberfest in München oder der Christopher Street Day in Köln, der Karneval
der Kulturen in Berlin, die Fastnacht in Mainz oder der Karneval in Köln – sind
längst international Synonym für gute Laune und eine weltläufige Atmosphäre
geworden.
Während es die Gäste aus dem Ausland überwiegend in die Großstädte zieht,
reisen die Deutschen im eigenen Land lieber in kleinere Gemeinden und ländliche
Regionen: Bei ihnen gehören die Nord- und Ostseeküste, der Schwarzwald und der
Bodensee zu den beliebtesten Ferienzielen. Immerhin verzeichnet Deutschland 14
Nationalparks, 95 Naturparks und 13 Biosphärenreservate. Aber auch als eine Art
Open-Air-Fitness-Center gewinnen Küste, Seen, Mittel- und ochgebirge an
Bedeutung. Die Möglichkeiten sind riesig: Allein neun Fernwanderwege mit einer
Länge von 9700 Kilometern führen durch Deutschland. Insgesamt streckt sich das
Netz markierter Wanderwege über 190000 Kilometer. Auf 50000 Kilometern können
Radfahrer über spezielle Fernwege das Land erkunden.
Gut
in Form – Mode und Design
Highfashion
made in Germany ist ein Begriff auf den internationalen Laufstegen. Zu den
„Global Players“ gehören seit Jahrzehnten Escada und Wolfgang Joop, der mit
seinem neuen glamourösen Label „Wunderkind Couture“ Erfolge feiert. Die großen
Galas und Bälle in Berlin, Frankfurt oder München wirken nicht selten wie eine
Leistungsschau der deutschen Modemacher: Man trägt Escada, Unrath & Strano,
Talbot Runhof und Anna von Griesheim – die zu den gefragten Designern nicht nur
der deutschen Prominenz gehören. Im Alltag setzt man in Deutschland dagegen
eher auf Bodenhaftung. Bevorzugt wird neben dem sachlichen Business-Outfit
legere Sportswear, etwa von Boss oder Strenesse. Beide Labels sind in
Süddeutschland zu Hause, aber längst auch auf dem Weltmarkt ein Begriff.
Besonders in den Großstädten findet sich aber auch ausreichend Gelegenheit für
das modische Experiment. Hier gibt es eine ganze Reihe kreativer Modedesigner,
die mit Witz und Einfallsreichtum den Modemetropolen London und Paris
Konkurrenz machen. Die Berlin Fashion Week mit Shows etablierter und junger
Designer ist das zentrale Modeereignis in der Hauptstadt. Insider kennen längst
die neue deutsche Mode-Avantgarde, zu der Thatchers, Sabotage, Kostas Murkudis
oder Eisdieler aus Berlin, aber auch Blutsgeschwister aus Stuttgart, Anja
Gockel aus Mainz oder Susanne Bommer aus München gehören. Selbst London, Paris
und die Modeszene- Stadt Antwerpen haben junge deutsche Kreateure wie Markus
Lupfer, Bernhard Willhelm und Dirk Schönberger erobert. Der berühmteste
deutsche Modemacher im Ausland aber ist der in Hamburg geborene Karl Lagerfeld,
kreativer Kopf des französischen Couture-Hauses Chanel.
Deutsches Produktdesign hat das Image, klare und funktionale Produkte zu
schaffen. Design made in Germany – von der Bulthaup-Küche bis zum
Braun-Rasiergerät – genießt international höchstes Ansehen. Stilbildend sind
nach wie vor Unternehmen wie die Möbelhersteller Wilkhahn und Vitra oder Lamy
für Schreibgeräte und Erco für Leuchten. Die Traditionen des Bauhauses der
zwanziger und der Ulmer Hochschule aus den fünfziger Jahren haben noch ihren
Stellenwert, daneben hat sich aber längst eine neue Generation einen Namen gemacht:
Zu ihr gehört Konstantin Grcic, Jahrgang 1965, einer der innovativsten jüngeren
Designer. Der Münch-ner verleiht ganz banalen Alltagsgegenständen eine
ungewohnte Poesie. Auch die Newcomer vom „Studio Vertijet“ aus Halle, Steffen
Kroll und Kirsten Hoppert, verbinden spielerische und analytische Elemente des
Designs.
Architektur
mit Ausdruck
Die Architekturszene in Deutschland hat viele regionale Zentren, aber seit der
Wiedervereinigung sicherlich auch einen Schwerpunkt in Berlin. In der Hauptstadt
lässt sich auf engem Raum Weltarchitektur erleben: Ob Lord Norman Foster, der
den ehemaligen Reichstag zum neuen deutschen Parlament umbaute, Renzo Piano,
Daniel Libeskind, I. M. Pei oder Rem Koolhaas – die Liste der internationalen
Architekten, die Berlins neues Gesicht prägen, ist lang. Auch die Elite der
deutschen Baumeister wie Helmut Jahn, von Gerkan Marg und Partner, Hans
Kollhoff und Josef Paul Kleihues trug ihren Teil zur neuen Hauptstadt bei. In
Hamburg und Düsseldorf wird in den alten Häfen mit einer neuen Formensprache
experimentiert und in vielen Städten setzen markante Museumsneubauten Zeichen –
wie in München die Pinakothek der Moderne von Stephan Braunfels, in Herford das
Museum MARTa von Frank O. Gehry, die Langen Foundation von Tadao Ando bei Neuss
oder das Museum der bildenden Künste von den Berliner Architekten
Hufnagel Pütz Rafaelian in Leipzig.
sumber
: Buch Tatsachen über
Deutschland
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